Sonntag, 28. Juli 2013

Giannini: „Bomben sind ein Teil des Alltags“

1990 scheiterte „il principe“ (der Fürst), wie man ihn in Italien nannte, erst im WM-Halbfinale an Diego Maradonas Argentiniern. Mit Sturm Graz (1996/’97) gewann der ehemalige AS-Roma-Superstar lediglich den Supercup. Seit 1. Juli trainiert Giuseppe Giannini die libanesische Nationalmannschaft. Jetzt möchte der bald 49-Jährige endlich auch als Trainer auf sich aufmerksam machen.

KURIER: Complimenti! Wie wird man eigentlich Nationaltrainer des Libanon?
Giuseppe Giannini: Mein Haberer Mancini hatte mir den Tipp gegeben. Dann bin ich ein paar Mal nach Beirut und habe unterschrieben.

Sie meinen Roberto Mancini, den ehemaligen Meistertrainer von Inter Mailand und Manchester City?
Ja, Roberto ist hier gut verlinkt und genießt hohe Reputation. Youssef Mohamad, der Kapitän der Nationalmannschaft, ist beispielsweise ein enger Freund von ihm. Roberto war sechs Jahre mein Zimmernachbar im Nationalteam. Schon in der Unter-21-Auswahl, dann auch bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien.

Zwischen Bomben und Bällen – wie darf man sich Ihren Alltag vorstellen?
Ein Mann und drei Frauen fahren in einem offenen Auto jenseits der Damaskus-Straße durch die Trümmer Ostbeiruts – dieses preisgekrönte Foto, dieses Klischee hatte ich im Kopf, als ich herkam. Seitdem lerne ich jeden Tag dazu. Boulevards, enge Gasse, geschäftiges Treiben in den Teestuben – ich kenne das Zentrum von Beirut, das „Paris des Nahen Ostens“, jetzt ein bisschen. Den Rest muss ich erst kennenlernen. Ich freue mich auf jeden Fall auf diese einmalige Herausforderung.

Die Folgen des zweiten Libanonkriegs 2006 sind dennoch omnipräsent. Kann man in einem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land überhaupt Begeisterung entfachen?
Ich war zuletzt in Doha beim Spiel Katar – Libanon. 3000 Libanesen waren vor Ort. Da ging die Post ab. Der Libanese ist sehr fußballverbunden. Als Libanon am 11. September 2012 den hoch favorisierten Iran 1:0 geschlagen hat, soll das Land kopfgestanden sein. Ein völlig neues Gefühl schwappte durch das Land: Nationalstolz.

Es heißt, der Fußball könne Brücken bauen. Glauben Sie daran?
Ich glaube an den Fußball als simples Spiel. Der Ball ist der kleinste gemeinsame Nenner und die einfachste Kommunikationsform. Er verbindet. Für den Westeuropäer ist die Realität hier schwer zu begreifen. Unruhen, ständige Unsicherheit, zig Religionsgruppen, Schiiten, Christen, Sunniten, um nur einige zu nennen – wie soll das gehen? Und dann noch unbekümmert Fußball spielen? Für die Menschen hier sind die Bomben jedoch Teil des Alltags. Genauso wie der Fußball. Der Fußball bietet den Libanesen die Chance, sich als Nation zu erleben.

Sind Sie auf einer Mission?
Aber wo! Ich habe einen Zweijahresvertrag. Ich will erfolgreich Fußball spielen.

Wie ist der Fußballer hier?
Technisch talentiert und sehr schnell. Ich möchte den Spielern vor allem helfen, sich taktisch weiterzuentwickeln.

Wie gehen Sie das an?
Ich baue auf meine Erfahrung und mein internationales Netzwerk. Anfang August werden wir unsere Zelte im Trainingslager Coverciano bei Rom aufschlagen. Dann wird gebüffelt. Taktik, Spielsystem, Laufwege.

In den 90er-Jahren haben Sie 60 Millionen Tifosi verzaubert. Als Vereinstrainer waren Sie vorrangig in der zweiten Liga tätig. Wie lautet Ihr Ziel als Teamtrainer?
Seitens des Verbandes gibt es keine Zielvorgabe. Brasilien ist kein Thema mehr: Wir sind Gruppenletzter. Ich soll jetzt eine neue Generation von Spielern ausbilden, welche die Basis für eine bessere Zukunft sind.

Was ist die nächste Herausforderung?
Wir spielen am 15. Oktober gegen Kuwait. Im Monat darauf gleich noch einmal. Die Spiele sind für die Qualifikation für den AFC-Asian-Cup 2015 ausschlaggebend.

Geben Sie die Anweisungen eigentlich auf Arabisch?
Nein, Italienisch, Englisch, manchmal Deutsch. Die Sprache des Fußballs ist international. Darüber hinaus gibt es Dolmetscher.

So wie damals bei Sturm Graz?
Bei Sturm war Darko Milanic mein 24-Stunden-Dolmetscher. Und Enzo Gambaro, der zweite Italiener. Mit Hannes Kartnig habe ich mich mit Händen und Füßen unterhalten.

Der ehemalige Präsident von Sturm Graz hat Sie 1996 als den schönsten Fußballer bezeichnet, den er je zu Gesicht bekommen hat. Sportlich war Graz nicht so erfolgreich.
Sturm war meine erste Auslandserfahrung nach 15 Jahren bei Roma. Ich war 32 und bin komplett ohne Vorbereitung in die Meisterschaft gegangen. In Italien beginnt die Saison im September, hier im Juli, also zwei Monate früher. Das war mein Handicap.

Bekommen Sie noch mit, was in Österreich passiert?
Ich weiß, dass Darko jetzt Sturm trainiert. Ich bin mit ihm in Kontakt. Darko schuldet mir einen Gefallen. Er ist mir noch einen Freundschaftsdienst schuldig: ein Testspiel gegen unsere Nationalmannschaft.

Quelle: KURIER

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