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Brisantes politisches Spiel


18. Mai 2011

Das Fußball-Pokalfinale im Libanon an diesem Mittwoch in Beirut findet wenig Interesse in der Öffentlichkeit. Die beiden Hauptstadtteams Ahed und Safa werden sich gegenüber stehen. Verschwörungstheorien zufolge, die in dem kleinen Land (das nur die Hälfte der Fläche Hessens umfasst) zwischen Israel und Syrien traditionell Konjunktur haben, steht der Sieger der Partie schon fest: Safa.

Safa ist das Team der Drusen, einer Abspaltung des schiitischem Islam. Gerade einmal ein bis zwei Millionen Drusen gibt es auf der Welt, die meisten davon in Syrien und im Libanon, das mit seinen Bergen seit jeher religiösen Minderheiten aus der ganzen Region Schutz geboten hat. Ahed ist das Team der schiitischen Hizbullah, die auf der Terrorliste der Vereinigten Staaten steht (nicht aber, im Gegensatz zur palästinensischen Hamas, auf der der EU).

Gewinnt Ahed, könnte es sich nach dem Meisterschaftserfolg über das Double freuen. Ahed hat aber, so meinen viele Beobachter, einiges gut zu machen. Nachdem die Drusen Anfang des Jahres dem pro-westlichen Lager um den sunnitischen Premierminister Saad Hariri die Gefolgschaft aufkündigten, stellt der mit Syrien und dem Iran verbundene politische Block um die Hizbullah den neuen Premierminister. Das Pokalfinale bietet nun die Möglichkeit, sich gegenüber den Drusen erkenntlich zu zeigen, zumal Safa nur im Falle eines Sieges für den AFC-Cup (vergleichbar mit der Europa League) qualifiziert ist.

Dass Fußballspiele im Libanon nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, liegt vor allem an Gewaltexzessen im Umfeld von Spielen, die zu einem jahrelangen Zuschauer-Bann führten, der erst Anfang vergangenen Jahres von der Regierung aufgehoben worden ist. Dennoch machen die meisten Fußball begeisterten Libanesen weiter einen großen Bogen um die maroden Fußballstadien des Landes, der Zuspruch entspricht Kreisliga-Partien in Deutschland. Die Oberschicht des Landes fliegt lieber zu Spielen nach England, Spanien oder Deutschland, wo mit Youssef Mohamad (der einst seine Karriere bei Safa begann) beim 1. FC Köln der zur Zeit erfolgreichste libanesische Auslandsprofi aktiv ist. Einst stand ihm dort Roda Antar, sein Landsmann, zur Seite.

Das Gewaltpotenzial ist mit dem politischen System des Mosaikstaates zu erklären, in dem 18 staatlich anerkannte Religionen leben. Sie sind Staaten im Staat, weil sie eigenverantwortlich Angelegenheiten wie Eheschließungen (standesamtliche Hochzeiten sind im Libanon nicht möglich) und Sorgerechtsstreitigkeiten regeln dürfen. Basierend auf einer fast achtzig Jahre alten Volkszählung stehen jeder Religionsgruppe eine bestimmte Anzahl von Parlamentssitzen zu, analog ist die Vertretung in der Regierung geregelt. Somit kennen die Libanesen aus dem Alltag nur Wettbewerb innerhalb, nicht aber zwischen Konfessionen.

Trikots in der Farbe der jeweiligen Partei

Der Sport stellt hier eine Ausnahme dar. Es gibt keine eigenen Ligen für Schiiten, Sunniten oder Christliche Maroniten (den drei zahlenmäßig größten Konfessionen), sondern Klubs aller Religionen spielen gegeneinander. Während die Mannschaften in der Regel konfessionell gemischt sind, verfügt die Ebene der Fans und Klub-Administrationen über eine homogene religiöse und politische Zugehörigkeit. Da Ticket- und Fernseheinnahmen marginal sind, ist die Abhängigkeit von politischen Führern umso größer.

Die Klubs revanchieren sich mit Trikots in der Farbe der jeweiligen Partei (bei Ahed zum Beispiel das Gelb der Hizbullah) oder mit der Benennung von Stadien nach ihren Patronen (wie das Rafik Hariri Stadion von Nejmeh SC). Diese eindeutigen politischen Positionierungen führen dazu, dass der Sport nicht, wie in vielen anderen Krisengebieten der Welt, Spannungen abbaut, sondern sogar noch vertieft. Hoffnung machen nur Projekte dänischer Nichtregierungsorganisationen, die gezielt gemischt-konfessionelle Sportmannschaften im Jugendalter fördern.

Mäßiges Niveau

Der libanesische Fußball leidet nicht nur an seiner Politisierung, sondern auch – anders als im Basketball, wo das Land an den letzten drei Weltmeisterschaften teilnehmen konnte – am mäßigen Niveau; der Zedern-Staat ist bis auf Platz 178 in der aktuellen Fifa-Weltrangliste abgerutscht. Noch nie gelang die Qualifikation für eine Weltmeisterschaft. Selbst von der Teilnahme an der Kontinentalmeisterschaft (der letzte Asien-Cup fand Anfang des Jahres in Qatar statt) können die vier Millionen Einwohner nur träumen.

Nur im Jahr 2000, als in Anerkennung für den Wiederaufbau des Landes, dessen brutaler Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 rund fünf Prozent der Bevölkerung das Leben kostete, das Turnier im Libanon ausgerichtet wurde, konnte man als automatisch qualifizierter Gastgeber an den Start gehen. Das hastig zusammen gewürfelte Team, das in der Vorrunde kläglich scheiterte, bestand seinerseits überwiegend aus Brasilianern mit libanesischen Wurzeln; die libanesische Diaspora, die auf 15 Millionen Menschen geschätzt wird, besteht mindestens zur Hälfte aus in dem südamerikanischen Land lebenden Emigranten.


Der Autor ist Professor für Vergleichende Politikwissenschaft an der Amerikanischen Universität von Beirut.

Quelle: FAZ

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