Dienstag, 19. März 2013

"Eine Nationalmannschaft zu trainieren ist immer reizvoll."


Seit dem April des vergangenen Jahres ist der Deutsche Christian Schweichler, Torwartrainer der libanesischen Nationalmannschaft. torwart.de sprach mit dem gebürtigen Mülheimer über WM-Träume, Torwartausbildung im nahen Osten und das Leben im Libanon.

torwart.de: Was verschlägt jemanden in den Libanon und warum ausgerechnet die Nationalmannschaft?

Christian Schweichler: Die libanesische Nationalmannschaft hat im letzten Jahr unter der Leitung von Trainer Theo Bücker ihren größten Erfolg gefeiert und steht in der finalen, asiatischen Qualifikationsrunde zur WM 2014. Der Verband möchte diesen Erfolg nachhaltig nutzen und sich auf allen Ebenen weiter professionalisieren. Dazu zählt insbesondere der Torwartbereich. So wurde ein Torwarttrainer mit Auslandserfahrung gesucht, der nicht nur die Torhüter der Nationalmannschaft trainiert, sondern auch über Erfahrungen im Aufbau einer Torwartakademie verfügt und Lehrtätigkeiten vorzuweisen hat. Bei dieser Suche empfahl mich Michael Krüger, mit dem ich in Afrika tätig war. Michael Krüger und Theo Bücker kennen sich als international tätige Trainer seit Jahren und tauschen sich regelmäßig aus.

torwart.de: Warum bist nicht in Deutschland geblieben?

Schweichler: Ich habe mit 30 Jahren meinen ersten Trainerjob im professionellen Fußball angenommen. Dies ist ein sehr junges Alter für einen Trainer, insbesondere für einen Torwarttrainer. Da ich jedoch bereits seit zehn Jahren als Torwarttrainer tätig war, habe ich mich bewusst für diesen Schritt entschieden. Dass mich dieser Schritt ins Ausland und nicht zu einem Club in Deutschland geführt hat, war sicherlich nicht planbar.
Selbstverständlich könnte ich mir auch eine Tätigkeit im deutschen Profifußball vorstellen. Erste Anfragen diesbezüglich hat es bereits gegeben. Wenn man jedoch im Ausland um Meisterschaften und Titel spielt, sich international beweisen kann und dabei die Welt kennenlernt, müsste ein Engagement in Deutschland schon reizvoll sein, um zurückzukehren.

torwart.de: Was reizt dich an der neuen Aufgabe?

Schweichler: Eine Nationalmannschaft zu trainieren ist immer reizvoll. Ein solches Angebot erhält man nicht alle Tage. Reizvoll ist zudem die Kombination aus Trainingsarbeit mit dem Team und konzeptioneller Arbeit für den Verband. In diesen beiden Schwerpunkten liegen auch meine persönlichen Ziele. Mit der Nationalmannschaft möchte ich selbstverständlich die Qualifikationsrunde so positiv wie möglich absolvieren. Zudem bin ich bestrebt, mit dem Aufbau der Torwartakademie Strukturen zu schaffen, die das Torwartspiel langfristig auf ein höheres Niveau heben.

torwart.de: Wie ist der Stellenwert im Vergleich zu Deutschland?

Schweichler: Der Libanon, mit knapp 4 Millionen Einwohnern, ist selbstverständlich kein Fußball Schwergewicht. Dennoch hat sich die Nationalmannschaft in Asien gehörigen Respekt verschafft. Das Erreichen der finalen Qualifikationsrunde zur WM 2014 in Brasilien ist für das Team und das gesamte Land ein großer Erfolg.

Mit Roda Antar und Youssef Mohamad stehen zwei erfolgreiche, ehemalige Bundesligaspieler im Kader. Dazu kommen Spieler, die in Malaysia und den Vereinigten Arabischen Emiraten für Ihre Clubs am Ball sind. Sie sind Vorbilder für die jungen Spieler, von denen sicherlich einzelne in der Lage wären, sich in den obersten Ligen Deutschlands durchzusetzen. Durch die Erfolge der Nationalmannschaft machen die Spieler nun natürlich auf sich aufmerksam.

torwart.de: Wie sind die Torhüter zu bewerten im Vergleich zu Deutschland?

Schweichler: Die Torwartausbildung lässt leider generell auch im arabischen Raum noch immer zu wünschen übrig. Die ideale Ausführung torwartspezifischer Grundtechniken sowie ein taktisch optimal ausgerichtetes Positionsspiel, insbesondere in der Strafraumbeherrschung, stellt viele Torhüter vor große Probleme. Ein regelmäßiges, individuelles Torwarttraining auf qualitativ hochwertigem Niveau kann jedoch zu einer positiven Entwicklung auch in kurzer Zeit führen. Ich denke, die erzielten Erfolge und Leistungen der Torhüter bestätigen dies.

Mit Abbas Hassan steht ein Torwart im Kader, der in Europa seine Ausbildung genossen hat und alles mitbringt, was einen guten Torwart ausmacht. Bei den übrigen libanesischen Torhütern steht auf Grund der Altersstruktur ein Generationswechsel an. Es gibt einzelne hoffnungsvolle Talente, die nun an das gewünschte Leistungsniveau herangeführt werden müssen.

torwart.de: Wie sind die Bedingungen im Vergleich zu Deutschland?

Schweichler: Ein seriöser Vergleich verbietet sich fast. Die Bedingungen sind wesentlich schwieriger. Hinsichtlich der mangelnden Infrastruktur und den immer wieder auftauchenden Widrigkeiten grenzt es an ein Wunder, was unser Cheftrainer Theo Bücker in der Vergangenheit aufgebaut hat und wir mit dem Einzug in die finale, asiatische Qualifikationsrunde noch immer im Rennen sind, uns für die Weltmeisterschaft 2014 zu qualifizieren.

torwart.de: Wie ist das Umfeld (Stadion/Fans)?

Schweichler: Stolz ist man im Libanon auf das Camille Chamoun Sports City Stadion, einer knapp 60.000 Zuschauer fassenden Schüssel, die für die Asienmeisterschaft 2000 erneuert wurde. Hier finden Ligaspiele ebenso statt wie unsere Spiele mit der Nationalmannschaft. Daneben gibt es noch zwei weitere, kleinere Stadien.

Die fußballbegeisterten Libanesen waren als Folge des Bürgerkriegs 2006 vom Besuch der Ligaspiele für mehrere Jahre ausgeschlossen. Langsam bildet sich nun wieder eine Fankultur. Zu welch einer fantastischen Stimmung Sie jedoch in der Lage sind, zeigten Sie bei unserem Qualifikationsspiel gegen Katar vor vollen Rängen zu Beginn dieser Qualifikationsrunde.

torwart.de: Vielen Dank für das Interview!
Schweichler: Gerne.

von  Henrik Stadnischenko
Quelle: torwart.de

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen