Montag, 16. September 2013

Giannini: "Italien gehört immer zu den Favoriten"

Wenige Spieler haben die Herzen der Fans durch ihr Wirken auf und neben dem Platz so sehr erobert wie der ehemalige Mittelfeldstar des AS Rom, Giuseppe Giannini, der mit der Squadra Azzurra bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Italien 1990 Dritter wurde. Aufgrund seiner begnadeten und eleganten Spielweise wurde Giannini von den Fans Il Principe, der Prinz, genannt. Für den AS Rom, SSC Neapel und US Lecce bestritt er 365 Spiele und erzielte 57 Tore. 

Als Trainer verschiedener kleinerer Klubs in Italien war Giannini nicht derselbe Erfolg wie als Spieler beschieden. Doch seit einiger Zeit ist er Nationaltrainer Libanons, das sich in der Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ zuletzt gut geschlagen hat.
FIFA.com traf den Prinzen von Rom und sprach mit ihm über seine Erfahrungen auf der internationalen Bühne, den italienischen Fussball, die kommende FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ und seinen neuen Posten.

Giuseppe Giannini, Sie haben eine beeindruckende Karriere erlebt. Was sind Ihre schönsten Erinnerungen als Spieler?
Zweifellos die 13 Jahre beim AS Rom, der mein Lieblingsklub ist. Ich würde auch die Länderspiele mit der italienischen Nationalelf nennen, in der ich das Glück hatte, neben Stars wie Baggio, Mancini, Vialli oder Donadoni zu spielen. Es war das goldene Zeitalter der Squadra Azzurra. Ich habe von diesen Spielern viel gelernt.

In Italien werden sie Il Principe genannt. Woher kommt dieser Spitzname und was bedeutet er Ihnen?
Mein Teamkamerad beim AS Rom, "Chieri" (Odoacre Chierico), gab mir diesen Spitznamen, um meine elegante Spielweise zu unterstreichen. In jener Zeit wurde Paolo Roberto Falcao in unserer Mannschaft der Göttliche genannt. Dieser Spitzname hat mich meine ganze Karriere lang begleitet und ist nun untrennbar mit mir verbunden. Ich persönlich mag ihn nicht so sehr, denn ich bevorzuge es, bescheiden zu bleiben. Dennoch bin ich stolz darauf. Die Römer ehren die Spieler mit diesen Spitznamen, das ist in der Gesellschaft ebenso üblich wie im Sport.

Sie folgten damals auf Carlo Ancelotti als Kapitän des AS Rom. Wie sind Sie mit diesem Druck umgegangen?
Ich war damals gerade 24 Jahre alt, und vor Ancelotti hatte Agostino di Bartolomei mit der Mannschaft die Meisterschaft gewonnen. Ich bin in Rom in einer exzellenten fussballerischen Umgebung aufgewachsen, mit all diesen Stars, von denen ich sehr profitiert habe. Ich habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen, Ruhe zu bewahren und wie ich mich gegenüber den Verantwortlichen und meinen Kameraden zu verhalten habe.

Verfolgen Sie den AS Rom immer noch? Wie denken Sie über das aktuelle Niveau der Mannschaft?
Ich verfolge das Team nur, wenn ich in Italien bin, denn in Beirut habe ich dafür keine Zeit. Die Mannschaft ist besser als letztes Jahr. Die Spieler sind konzentrierter und man spürt das Bemühen, die Fehler des letzten Jahres vergessen zu lassen.

Wie bewerten Sie den Calcio im Vergleich zu den anderen großen europäischen Ligen? Welche ist für Sie die aufregendste?
In Italien entscheidet sich der Titel erst in den allerletzten Spieltagen und es herrscht ein harter Wettbewerb zwischen mehreren Mannschaften, an dem selbst einige aus dem Mittelfeld der Tabelle beteiligt sind. Ohne Roma und Lazio zu vergessen, ist die Fiorentina unter Vincenzo Montella zu einem Anwärter geworden neben den ewigen Favoriten Inter, AC Mailand, Juventus und Neapel. In den anderen Meisterschaften beschränkt sich der Wettbewerb auf zwei oder drei Klubs. In Spanien beherrschen Real Madrid und der FC Barcelona die Meisterschaft, selbst wenn Atletico Madrid oder Villarreal sie ärgern können. In England ist es gleich, nur Manchester United, Manchester City und Chelsea können nach dem Titel streben.

Sprechen wir über die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Italien 1990. Was sind Ihre Erinnerungen und warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, an einem solchen Ereignis teilzunehmen?
Es ist eine fantastische Erfahrung. Unser Trainingslager war bei mir in der Nähe, in Marino, und wir haben zwei Mal im Olympiastadion gespielt. Die römischen Anhänger haben mich enorm angefeuert und der Druck lastete sehr schwer auf unseren Schultern. Wir spielten in einer kochend heißen Atmosphäre, an die ich gewöhnt war.

Welches Spiel hat Sie am meisten geprägt?
(Lacht) Natürlich die Begegnung mit Argentinien im Halbfinale in Neapel. Es war eine schmerzhafte Niederlage, die schwer zu verdauen war. Schmerzhaft, weil uns nur noch eine Stufe fehlte, um nach einem Monat Wettbewerb das Finale zu erreichen. Doch man muss die positive Seite sehen: Wir haben den dritten Platz erreicht, ohne eine einzige Partie in der regulären Spielzeit verloren zu haben, während Argentinien im Finale eine Niederlage kassierte.

Welche Fehler hinderten die italienische Mannschaft daran, dieses Finale zu erreichen?
Wir haben in diesem Spiel keine direkten Fehler gemacht, doch wir hatten in der Gruppenphase viele Federn gelassen. Nachdem wir die ersten zwei Spiele gewonnen hatten, hätten wir in der Partie gegen die Tschechoslowakei mehrere Spieler schonen sollen. Doch wir gaben dem Druck nach und boten alle Stammspieler auf, um zu gewinnen. Diese Entscheidung mussten wir im Halbfinale teuer bezahlen.

In einem Interview vertraute uns Franz Beckenbauer kürzlich an, dass Deutschland froh darüber war, im Finale auf Argentinien zu treffen, denn Italien wäre ein sehr viel zäherer Gegner gewesen. Stimmen Sie ihm zu?
Na klar. Es ist immer schwierig, gegen eine Heimmannschaft zu spielen. Außerdem war unser Team gut organisiert und bestand aus Akteuren, die seit der U-21 zusammenspielten, wie zum Beispiel Mancini, Donadoni, Vialli, Maldini und Di Napoli. Außerdem war der Zusammenhalt untereinander sehr groß. Deutschland hätte alle Hände voll zu tun gehabt.

Brasilien richtet im kommenden Jahr die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft aus, und seine Nationalmannschaft gehört zu den Favoriten. Beschreiben Sie uns aus Ihrer eigenen Erfahrung, welcher Druck auf den Schultern einer Gastgebermannschaft lastet.
Die Mannschaft, die empfängt, muss aus dem Druck Gewinn ziehen und ihn in positive Energie umwandeln. Die Weltmeisterschaft dauert einen Monat, in dem man vollkommen konzentriert sein muss, um gute Ergebnisse in den Spielen zu erzielen, die sich alle ähneln. Alle Mannschaften, die zu Hause spielen, gehören zu den Favoriten. Doch das allein reicht nicht aus. Brasilien verfügt über Spieler von hoher Qualität, die das Team bis ins Finale führen können.

Italien hat sich letzte Woche für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014 qualifiziert. Wie weit wird das Team beim weltweiten Gipfeltreffen Ihrer Meinung nach kommen?
Im Allgemeinen gehören vier Mannschaften bei einer Weltmeisterschaft immer zu den Favoriten. Es handelt sich um Italien, Argentinien, Deutschland und Brasilien, auch wenn bestimmte Länder für eine Überraschung gut sind. Die aktuelle italienische Auswahl verfügt über die Fähigkeiten, um ein gutes Abschneiden zu erzielen, und unsere Spieler sind bei großen Turnieren immer zur Stelle. Für mich sind die Favoriten Brasilien, Deutschland, Italien, neben südamerikanischen Mannschaften wie Argentinien. Spanien ist momentan in nachlassender Form und zahlt den Preis für die letzten fantastischen Jahre mit zwei EM-Siegen und einer gewonnenen Weltmeisterschaft.

Auf der Trainerbank hatten Sie nicht denselben Erfolg wie als Spieler. Wir erklären Sie sich das?
Nach meinem Rücktritt entfernte ich mich zwei Jahre lang vom Fussball, um mal wieder richtig auszuspannen. Anschließend belegte ich Kurse, um meinen Trainerschein zu erlangen. Ich habe positive und negative Erfahrungen gemacht, die mir alle etwas gebracht haben. Mein Fehler war, dass ich nicht auf die richtige Gelegenheit gewartet habe. Nachdem ich zahlreiche Angebote erhalten hatte, trainierte ich unterklassige Klubs. Ich hätte mehr lernen können, wenn ich als Trainerassistent angefangen hätte, genau wie Mancini oder Ancelotti. Doch trotz dieser zweifelhaften Entscheidungen bereue ich nichts.

Wie entstand der Kontakt zu Libanon? Warum haben Sie diesen Posten akzeptiert?

Mein Freund Roberto Mancini stellte den Kontakt zu einem seiner libanesischen Freunde her. Anschließend habe ich im Winter mit dem Präsidenten des libanesischen Verbandes gesprochen. Ich habe mich über die Meisterschaft und die Nationalmannschaft informiert. Ihre zuletzt bemerkenswerten Ergebnisse waren bei meiner Wahl ein entscheidender Faktor. In dieser Region wird der Fussball immer populärer, und sie wird die Weltmeisterschaft 2022 ausrichten. Ich muss auch mein Englisch verbessern. (lacht)
Was sind Ihre Ziele?

Wie ich es als Spieler tat, setze ich auch als Trainer die Messlatte immer sehr hoch. Die nächste Begegnung mit Kuwait in der Qualifikation für den Asien-Cup ist sehr wichtig. Ich bereite die Mannschaft zurzeit auf diese Qualifikation vor. Sie hat unter Theo Bücker gute Resultate erzielt und es ist nicht leicht, die Spielweise eines Teams in so kurzer Zeit zu verändern. Alle Qualifikationsspiele zählen für uns, doch das Doppelduell gegen Kuwait in den nächsten zwei Monaten ist besonders wichtig. Ein Sieg in Beirut im ersten Spiel würde es uns erlauben, das zweite in Ruhe anzugehen.

Zahlreiche libanesische Spieler sind nunmehr im Ausland aktiv. Was sind die positiven Folgen für den nationalen Fussball?
Ich hoffe, dass die Zahl der im Ausland tätigen Spieler weiter steigt und sie mit Ernsthaftigkeit arbeiten, um ihren Kameraden, die in Libanon spielen, zu helfen. Es wird ihnen ermöglichen, Erfahrung zu sammeln und in der Nationalmannschaft bessere Leistungen zu erzielen.

Sie haben selbst für einen großen Klub gespielt und eine FIFA Fussball-Weltmeisterschaft bestritten. Was versuchen Sie Ihren Spielern zu vermitteln?
Unser Trainerstab besteht aus fünf Mitgliedern. Wir arbeiten zusammen, um den Spielern unsere Erfahrung zu vermitteln und unsere Ziele zu erreichen. Der vorherige Trainer, Theo Bücker, hat gute Arbeit geleistet, und die Ergebnisse, die wir bisher erzielt haben, verheißen Gutes.

Quelle: Fifa.com

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